Stand: 22.09.2026, 12:14 Uhr

Der renommierte Finanzwissenschaftler Martin Weber, der seit Jahrzehnten das Anlegerverhalten erforscht, hat im Gespräch mit dem Handelsblatt mit einem weit verbreiteten Missverständnis aufgeräumt: Die Faustregel, dass der Aktienanteil im Depot mit zunehmendem Alter sinken sollte, ist nach seiner Überzeugung nicht zwingend sinnvoll. Stattdessen komme es auf die individuelle finanzielle Situation an – und da könne selbst eine Rentnerin durchaus ein zu 100 Prozent in Aktien investiertes Depot vertragen.

Warum ist das wichtig?

Viele Anleger orientieren sich an der klassischen Altersregel: 100 minus Lebensalter = Aktienquote. Ein 70-Jähriger würde demnach nur 30 Prozent in Aktien halten, der Rest in vermeintlich sicheren Anleihen oder Tagesgeld. Weber hält diese pauschale Daumenregel für überholt und potenziell schädlich. Entscheidend sei nicht das biologische Alter, sondern die Frage, ob der Lebensunterhalt durch verlässliche, regelmäßige Einnahmen – etwa eine gesetzliche Rente, eine Betriebsrente oder Mieteinnahmen – bereits gesichert ist. Wenn diese Basis stimmt, kann das restliche Vermögen ohne Druck langfristig am Aktienmarkt arbeiten. Gerade in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Inflation kann eine zu defensive Anlagestrategie die Kaufkraft des Ersparten massiv schmälern. Webers These stellt damit eine zentrale Säule der traditionellen Altersvorsorge infrage und gibt Anlegern ein neues, flexibleres Denkmodell an die Hand.

Für wen ist die Meldung relevant?

  • Rentner und Ruheständler: Sie sollten prüfen, ob ihre festen Einkünfte den Alltag decken. Ist das der Fall, können sie ihr Depot mutiger ausrichten, ohne im Alter Verkäufe erzwingen zu müssen.
  • Anleger kurz vor der Rente: Statt panisch Aktien abzustoßen, lohnt sich eine individuelle Analyse der Einnahmeseite. Wer auf ein sicheres Einkommenspolster bauen kann, muss nicht zwangsläufig umschichten.
  • Junge Sparer: Sie erhalten Rückenwind für eine langfristig hohe Aktienquote, da die Zeit für Kursschwankungen spricht – und das Risiko durch den langen Anlagehorizont relativiert wird.
  • Finanzberater und Vermögensverwalter: Die Aussage fordert das klassische Beratungsschema heraus und unterstreicht die Notwendigkeit einer ganzheitlichen, auf die Einkommensströme abstellenden Planung.

Weber betont, dass Anleger bei der Depotstruktur vor allem ihrer eigenen Risikotoleranz folgen sollten – und nicht starren, überholten Denkmustern. Die entscheidende Frage lautet nicht „Wie alt bin ich?“, sondern „Bin ich auf das Geld im Depot angewiesen, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten?“. Wer diese Frage mit Nein beantworten kann, hat die Freiheit, auch im hohen Alter eine hohe Aktienquote zu fahren. Das erfordert allerdings die emotionale Stärke, Kurseinbrüche auszusitzen – denn Aktien bleiben volatil. Der Nutzen liegt jedoch auf der Hand: Historisch bieten Aktien langfristig die höchste Rendite, und wer nicht verkaufen muss, kann von Zinseszins und Dividendenwachstum profitieren. Die Botschaft des Finanzwissenschaftlers ist klar: Nicht das Alter, sondern die individuelle Einkommenssicherheit bestimmt die sinnvolle Risikotragfähigkeit. Anleger sollten daher ihre persönliche finanzielle Basis kritisch prüfen und sich nicht von pauschalen Altersregeln verunsichern lassen.

Auf Basis öffentlich verfügbarer Marktinformationen redaktionell neu eingeordnet. Keine Anlageberatung.