Stand: 24.09.2026, 06:57 Uhr

Die australische Notenbank (RBA) steht in der Kritik: Ihre aktuellen Wirtschaftsprognosen basieren auf Annahmen, die einzeln betrachtet durchaus plausibel erscheinen mögen, in ihrer Gesamtheit jedoch ein systematisch zu pessimistisches Bild der australischen Wirtschaft zeichnen. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse der Westpac Banking Corporation, die auf dem Portal ActionForex veröffentlicht wurde. Im Kern geht es um die Frage, ob die RBA das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Angebotskapazität systematisch unterschätzt – mit potenziell weitreichenden Folgen für die Geldpolitik.

Warum ist das wichtig?

Die Einschätzung der RBA zur Produktivitätsentwicklung und zum Arbeitskräfteangebot ist kein akademisches Glasperlenspiel. Sie hat direkte Auswirkungen auf die Zinsentscheidungen der Notenbank. Geht die RBA von einem schwächeren Produktivitätswachstum aus, sieht sie bei gegebener Nachfrage mehr Inflationsdruck – und neigt tendenziell zu einer strafferen Geldpolitik. Die Analyse von Westpac legt nun nahe, dass die RBA in mehreren zentralen Annahmen zu pessimistisch ist:

  • Produktivitätswachstum: Die RBA geht von durchschnittlich 0,7 Prozent jährlichem Produktivitätswachstum aus, orientiert an den vergangenen 20 Jahren (Post-Finanzkrise und Pandemie). Das Finanzministerium (Treasury) rechnet dagegen mit 1,2 Prozent, angelehnt an den 30-Jahres-Durchschnitt.
  • Erwerbsbeteiligung: Die RBA erwartet kurzfristig stagnierende bis sinkende Erwerbsquoten, während Treasury von einem weiteren Anstieg ausgeht. Aktuelle Daten für August zeigen tatsächlich wieder einen Anstieg der Erwerbsbeteiligung.
  • NAIRU (arbeitslosenquote ohne Inflationsbeschleunigung): Auch hier liegt die Schätzung der RBA um etwa einen Viertelprozentpunkt über der des Treasury.

Die Kombination dieser drei Annahmen führt laut Westpac zu einem systematisch zu schwachen Bild des Angebotswachstums. Das Problem: Wenn alle Annahmen in die gleiche Richtung weisen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Prognose insgesamt verzerrt ist. Die Autoren der Analyse sehen die Risiken daher als asymmetrisch an – die Überraschungen dürften eher auf der positiven Seite liegen.

Für wen ist die Meldung relevant?

Die Analyse ist in erster Linie für Anleger interessant, die in australischen Dollar (AUD) investiert sind oder Anleihen und Aktien australischer Unternehmen halten. Sollte die RBA tatsächlich zu pessimistisch sein und die Wirtschaft sich besser entwickeln, könnte dies den Spielraum für Zinssenkungen verringern – oder sogar weitere Zinserhöhungen notwendig machen. Das wäre positiv für den AUD, aber potenziell belastend für risikoreichere Anlagen. Auch für Devisenhändler, die auf AUD-Paare spekulieren, ist die Einschätzung relevant, da sie die Richtung zukünftiger geldpolitischer Überraschungen andeutet. Darüber hinaus zeigt der Fall ein grundsätzliches Problem vieler Zentralbankprognosen: die Tendenz, vergangene Schwächephasen zu stark in die Zukunft zu verlängern – ein Phänomen, das auch für andere Notenbanken und Volkswirtschaften relevant ist.

Auf Basis öffentlich verfügbarer Marktinformationen redaktionell neu eingeordnet. Keine Anlageberatung.