Stand: 24.09.2026, 04:52 Uhr

Der Umstieg auf batterieelektrische Lastkraftwagen (BEV-Lkw) in Europa wird den Strombedarf massiv erhöhen. Eine neue Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI und des International Council on Clean Transportation (ICCT) prognostiziert, dass der jährliche Ladestrombedarf für E-Lkw bis 2045 auf über 200 Terawattstunden (TWh) ansteigen könnte. Bereits im Jahr 2035 könnten es rund 100 TWh sein – vorausgesetzt, die politischen Rahmenbedingungen sind günstig und der Hochlauf der Elektromobilität im Schwerlastverkehr gelingt. In einem ungünstigen Szenario mit langsamerer Verbreitung würde der Bedarf nur etwa ein Drittel dieser Menge betragen.

Warum ist das wichtig?

Die Zahlen verdeutlichen die enorme Herausforderung für die Energieinfrastruktur in Europa. Der Güterverkehr auf der Straße ist für einen erheblichen Teil der CO₂-Emissionen im Verkehrssektor verantwortlich. Die Elektrifizierung von Lkw ist ein zentraler Hebel, um die Klimaziele zu erreichen. Doch ohne eine rechtzeitige und bedarfsgerechte Planung des Stromnetzes und der Ladeinfrastruktur droht der Umstieg zu scheitern. Die Studie zeigt, dass der Ladebedarf nicht gleichmäßig über den Kontinent verteilt ist, sondern sich auf bestimmte Korridore, Industriestandorte und Logistikzentren konzentriert. Deutschland wird mit Abstand der größte Markt sein: Hier könnten im Jahr 2045 bis zu 43 TWh anfallen – das entspricht etwa zehn Prozent der gesamten deutschen Stromerzeugung des Jahres 2023 (432 TWh). Frankreich und Großbritannien folgen mit rund 35 bzw. 34 TWh.

Ein wichtiger Punkt: Der Großteil des Ladens wird nicht unterwegs an öffentlichen Schnellladestationen stattfinden, sondern in den Depots der Speditionen. Das entlastet die öffentliche Infrastruktur, stellt aber hohe Anforderungen an die Netzanschlüsse der Logistikzentren. Hauptautor Steffen Link vom ISI warnt: „Beim Ausbau der Infrastruktur und bei der Netzplanung sollten deshalb jene Gebiete im Mittelpunkt stehen, in denen der Bedarf besonders sicher und hoch ist. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die dafür notwendige Netzinfrastruktur mit dem raschen Umstieg auf batterieelektrische Lkw nicht Schritt hält.“

Für wen ist die Meldung relevant?

  • Anleger in Lkw-Hersteller und Zulieferer: Unternehmen wie Daimler Truck, Traton (Marken MAN, Scania), Volvo AB und Volkswagen (VW) sind direkt von der Elektrifizierungswelle betroffen. Die Studie untermauert das langfristige Wachstumspotenzial für E-Lkw, zeigt aber auch die Abhängigkeit von politischen Rahmenbedingungen und Infrastrukturinvestitionen.
  • Investoren in Energieversorger und Netzbetreiber: Der prognostizierte Strombedarf eröffnet Chancen für Unternehmen, die in den Ausbau von Stromnetzen, Ladeinfrastruktur und erneuerbare Energien investieren. Gleichzeitig steigt der Druck auf die Netzstabilität, was Investitionen in intelligente Ladelösungen und Speichertechnologien erforderlich macht.
  • Logistik- und Transportunternehmen: Spediteure müssen ihre Flottenumstellung langfristig planen. Die Konzentration des Ladebedarfs auf Depots bedeutet, dass sie frühzeitig in eigene Ladeinfrastruktur investieren müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
  • Politische Entscheidungsträger: Die Studie liefert konkrete Daten für die Planung von Förderprogrammen, Netzausbau und regulatorischen Maßnahmen. Ohne gezielte Unterstützung für die kritischen Korridore und Standorte droht ein Engpass.

Für Anleger ist die Meldung ein wichtiges Signal: Die Elektrifizierung des Schwerlastverkehrs ist kein Nischenthema mehr, sondern wird zu einem massiven Treiber für Stromnachfrage und Infrastrukturinvestitionen. Wer in die entsprechenden Sektoren investiert, sollte die politische Entwicklung und die konkreten Ausbaupläne der Netzbetreiber im Auge behalten. Die Studie zeigt, dass die Weichen jetzt gestellt werden müssen – sowohl für die Industrie als auch für die Energieversorgung.

Auf Basis öffentlich verfügbarer Marktinformationen redaktionell neu eingeordnet. Keine Anlageberatung.